English Arabic Chinese (Simplified) Dutch French German Italian Japanese Portuguese Spanish Swedish Catalan Galician
 
NEWS Feedback
Home > News > Sidi Ifni - oder: Die wieder geborene Stadt
Sidi Ifni - oder: Die wieder geborene Stadt
Added On : 27 March 2009
  
Sidi Ifni - oder: Die wieder geborene Stadt
Fritz Kalteis
8 September 2004
Lange lag sie im Koma, nun erwacht sie zu neuem Leben: Die Stadt Sidi Ifni, eine spanische Kopfgeburt in Südmarokko. Statt auf spanische Soldaten trifft man hier heute auf junge Surfer.

Jetzt ist Maria auch schon drei Jahre nicht mehr da. Ihre Leiche liegt auf dem Friedhof von Sidi Ifni begraben - und ist da eine Ausnahme. Als Spanien 1969 zum Rückzug aus der Kolonie im Süden Marokkos aufrief, verliessen die meisten Spanier Sidi Ifni - und nahmen oft auch die Särge der Verwandten mit. Zurück blieben ein verlassener Flughafen, nutzlose Verwaltungsgebäude und eben Maria. Sie war eine der wenigen Menschen spanischer Herkunft, die nicht ins Heimatland zurückkehrten. Vor ihrem Tod war sie die Letzte ihrer Art in Sidi Ifni.

Die Erinnerung an Frau Guomez ist noch nicht ganz vergilbt. Im Laden des Coiffeurs Hassan Aznag in der Avenue Mohammed V hängt ein Porträt von ihr an der Wand. Wenn sich jemand interessiert, nimmt Hassan das Schwarzweissfoto herunter. Er blickt es an, streicht langsam mit den Fingern darüber. «Maria hatte sich in ihrem Heimatland in einen spanischen Soldaten verliebt und kam mit ihm hierher. Heiraten konnten sie nie, er fiel im Spanischen Bürgerkrieg.» Hassan mochte die alte Lady: «Maria hat immer um sieben Uhr abends einen Spaziergang gemacht, mit einem roten Schleier. Sidi Ifni war zu ihrer Heimat geworden.»

Der Triumph des Willens

Hassan Aznag bewahrt die Vergangenheit von Sidi Ifni auf: Fotos, Zeichnungen und Zeitungsartikel, die von der Geschichte seiner Stadt erzählen, von der Kuriosität und der Extravaganz Sidi Ifnis. 1934 kam aus Madrid der Befehl, eine Stadt zu bauen - hier, auf einem Felsplateau zwischen Anti-Atlas und Atlantikküste, sollte sie errichtet werden, hier, wo vorher nichts war ausser Wüste und ein paar Hirten. Nach General Francos Wille sollte ein Militärstützpunkt entstehen. Ein Triumph des Willens von Franco sozusagen. Warum genau hier, ist rätselhaft.

Am 6. 4. 1934 setzte das erste Flugzeug auf der neuen Rollbahn von Sidi Ifni auf und leitete die kurze Blütezeit der Stadt ein. Die 30 mal 50 Kilometer grosse Enklave rund um Sidi Ifni blieb eine Insel inmitten von feindlichem Umland. Franco liess den Geldstrom aus Madrid bis 1969 nicht versiegen; das zog auch Bevölkerung aus dem umliegenden Marokko nach Sidi Ifni. Binnen eines Jahrzehnts wurde eine perfekte Infrastruktur aus der Wüstenei gestampft: Flughafen, Kinos, Casino, Hotels, Schwimmbad, ja sogar ein Zoo. Die Kolonialisten lebten in luxuriösen Villen, chauffierten amerikanische Strassenkreuzer und flanierten in blühenden Parks. Ifni geriet zur Spielwiese der spanischen Architekturavantgarde, die sich hier ihre Idealstadt schuf: Art déco und Bauhaus, vermischt mit der Formensprache marokkanischer Wehrburgen.

15 000 spanische Soldaten waren hier stationiert. Die Kinos hiessen Cazoz, Gloria, Amenida und Ifni; darin liefen Streifen aus Indien, Spanien und Hollywood. «Wenn einem der Film nicht gefiel, bekam man einen Gutschein für den nächsten Tag. Wir sahen viele Filme», erinnert sich Hassan, der geschichtsbeflissene Barbier, und zieht seinen grössten Schatz aus der Schatulle: ein grobkörniges Schwarzweissfoto mit Liz Taylor und Richard Burton, die in Sidi Ifni gemeinsam einen Film drehten. Die Stadt diente mehreren Produktionen als pittoreske Kulisse.

Der Blues im Café Real Madrid

Kollege James Dean ist heute noch da: In der hinteren Ecke des Cafés Real Madrid steht er als Pappkamerad. Das Lokal liegt genau gegenüber dem alten Kino Ifni. Vor vier Jahren hat es als Letztes der vier Lichtspiele geschlossen; so verlor der Kellner des Cafés Real Madrid seinen Nebenjob als Filmvorführer. Marokkanischer Pfefferminztee ist jetzt angesagt statt Coca-Cola, und Fernsehen statt Kino. Der Twist-Club, Sidi Ifnis ehemals heissestes Tanzlokal, schloss seine Türen schon 1972. Und die Uhr am Rathaus zeigt seit Jahren immer halb zehn Uhr. In der Jukebox des Cafés Real Madrid singt Gary Moore der Stadt ein Lied: «Well, it's so long ago, but I've still got the blues for you . . . »

Nach ihrem Rückzug hinterliessen die Spanier in Sidi Ifni eine Bevölkerung, die Spanisch zu denken und zu reden gelernt hatte. Zurück blieben auch Bauten, die ihren Zweck verloren hatten; auf dem Flughafen weiden heute Schafe, und das ehemalige Konsulat, ein klassizistischer Prunkbau, verrottet langsam. Niemand will das Vampirschloss, wie die Einheimischen es nennen, haben.

Nicht nur gut sind die Erinnerungen an die ehemaligen Kolonialherren: «Die Spanier hatten das Geld, und die Marokkaner waren die Untertanen. Aber dafür gab es Arbeit für alle», sagt Hassan Aznag. Früher seien die Spanier nach Ifni gekommen, um gut zu verdienen. Heute sei es umgekehrt: «Viele Einheimische ziehen weg - nach Spanien, Belgien oder in die Schweiz.»

Der Hafen als Nabel

Ein Relikt aus der Zeit der spanischen Besetzer ist der Hafen von Sidi Ifni. Er war stets Nabel der Stadt und Umschlagplatz für Waren aller Art: Lebensmittel, Fische, Menschen. Seine Geschichte widerspiegelt den kolonialen Grössenwahn. Marokko besitzt an der Küste zwischen Agadir und Dakhla keine natürliche Bucht, die als Hafen taugt, die Wellen des Atlantik schlagen ungebremst an das Steilufer. Der geniale Ingenieur Vicente Caffarena hatte die Lösung: Die grossen Frachter sollten an einer künstlichen Insel festmachen und eine Seilbahn die Container an Land befördern. Die Bahn in Sidi Ifni geriet zur technischen Meisterleistung: Nach vier Jahren Bauzeit wurde sie 1965 eröffnet und entlud fortan bis zu 50 000 Tonnen Fracht pro Jahr. Trotz der immensen Kosten galt der Bau als visionär. Selbst aus den Niederlanden kamen Experten, um die Bahn mit ihren gigantischen, tennisschlägerartigen Stützen zu studieren.

Doch als Spanien die Nabelschnur kappte, lohnte es sich nicht mehr, die Maschinen der Télépherique zu schmieren; Sidi Ifni existierte für Spanien nicht mehr als wichtige Stadt, wurde also auch nicht mehr mit Gütern beliefert. 1975 fuhr die letzte Gondel, 1992 wurden die 15 Zentimeter dicken Stahlseile abgeschnitten.

Der kleine, künstliche, aus Beton gebaute L-förmige Hafen am Fusse der Stützen reicht für die Fischerboote, die bis heute in Sidi Ifni anlegen. In ihrem Bauch liegen Sardinen, manchmal auch Menschen - eine heimliche Überfahrt nach Lanzarote bringt manchem Kapitän mehr als ein nächtlicher Fischzug. Doch darüber reden die Fischer am Hafen nicht. Sidi Ifni hat auch so Probleme genug. Es muss aus einem Koma erwachen, das nun schon rund dreissig Jahren dauert.

Das verrückte Glück

Das Hotel Suerte Loca am Ende der Strandpromenade ist Sidi Ifnis Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es ist das einzige Lokal, das seit der Zeit der Spanier bis heute durchgehend geöffnet war und noch immer dem gleichen Besitzer gehört. Suerte Loca bedeutet verrücktes Glück. Und das passt zum Ort. Der Besitzer, Senor Ayad, hat sie alle kommen und gehen sehen: die spanischen Soldaten, Piraten und auch die Hippies, die Marokko in den späten 60er-Jahren und frühen 70ern bereisten. «Viele kamen aus Essaouira und Mirleft in den Süden. Sie campierten und feierten am Strand.»

Dann lief lange nicht viel. Mittlerweile aber rührt sich wieder etwas. Täglich bleiben Autos vor der Herberge stehen und spucken junge Leute aus: Töpferinnen aus Südfrankreich etwa, Surfer aus Deutschland oder Paraglider aus Österreich. Ahmed, der Sohn von Senor Ayad, ist stolz auf den Erfolg. Er staffierte das Lokal neu aus: mit Tischfussball und Billard, Tauschbibliothek und Grillplatz auf der Dachterrasse. Das soll noch mehr Gäste anziehen und die neue Zeit einläuten.

Ganz Sidi Ifni hofft auf neue, bessere Zeiten und eine glückliche Zukunft. Und die Zeichen stehen nicht schlecht; immer mehr Reisende haben genug vom Touristenrummelplatz Agadir und suchen das andere Marokko. Einige kommen an die beschaulichen Strände rund um Sidi Ifni. Inzwischen haben die Stadtoberen erkannt, dass das koloniale Erbe Kapital und nicht Last ist; zaghaft lassen sie restaurieren und renovieren.

Die Atmosphäre aus alter Zeit

Echte Marokkaner sind die Menschen von Sidi Ifni nicht. Die Älteren, wie Coiffeur Hassan, fühlen sich «zu fünfzig Prozent als Spanier und zu fünfzig Prozent als Marokkaner». Die Kinder mögen heute wieder mehr Arabisch und Französisch als Spanisch sprechen, doch in den ruhigen Strassen der Stadt hat sich eine Atmosphäre aus alten Zeiten konserviert: eine Mischung aus spanischem Savoir-vivre und marokkanischer Lebensweise.

Im Suerte Loca setzt sich Senor Ayad wie jeden Tag um 17 Uhr an seinen Tisch am Fenster. Er trinkt Pfefferminztee und schaut der Zeit beim Vergehen zu, sieht Araber mit Gästen aus Spanien und Frankreich diskutieren, beobachtet Mädchen vor dem Restaurant, die mit Surfern schäkern, blickt zu den Kindern hinüber, die Ball spielen. Um 18 Uhr ist es Zeit für «el paseo», den täglichen Spaziergang an der Barandilla, der Prachtpromenade am Rande der Klippe. Das war schon immer so, und es wird immer so sein. Auch wenn dereinst noch mehr Surfer und Fremde in die Stadt kommen werden - und Frau Maria ihren roten Schleier schon seit drei Jahren nicht mehr ausführen kann.

Top Videos
Film de Ifni 01 (3506)
Documentaire Ifni 01 (2325)
Sidi Ifni Historique 01 (1945)
Mi Tierra 01 (1517)
 
Top Photos
 
Top Ifni News
Renovate a Mountain Sc...
Agadir: coasting down ...
Sidi Ifni-activité du...
La bouillonnante Sidi ...
 
Top Songs
IFNI 191
ifni jat bin ljbal
lik ya ifni
Bujara
 
 
 
Accept/Akzeptieren

We use cookies to personalize content and ads, engage social media, and access analytics on our site. By continuing to use the website, you agree to the use of cookies. / Wir verwenden Cookies zur Personalisierung von Inhalten und Anzeigen, zur Einbindung von sozialen Medien sowie fur Zugriffsanalysen auf unsere Website. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Learn more / Mehr erfahren