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Des Königs kleine Fluchten; Der Harem ist abgeschafft
Added On : 27 March 2009
  
Des Königs kleine Fluchten; Der Harem ist abgeschafft, die "Feuersklaven" sind weg: Mohammed VI. hat Marokko eine vorsichtige Modernisierung verordnet. Doch auch wenn er Straßen baut und mehr Offenheit zulässt, achtet er sehr darauf, dass seine Macht unantastbar bleibt
Von Rudolph Chimelli
11 December 2008

El Jadida - Der König kommt. An allen Autobahnzufahrten südlich von Casablanca stehen Polizeifahrzeuge. Die Brücken sind bespannt mit Fahnen und besetzt von Posten. An der 100 Kilometer langen Strecke zur einstmals portugiesischen Hafenstadt El Jadida sind Bewaffnete postiert, zusätzlich an alleinstehenden Gebäuden. Alle tragen solides Wetterzeug, denn der Dauerregen fällt wie ein Wasserschwall. So wie in diesem Jahr hat es in Marokko seit Jahrzehnten nicht geregnet. Mehr als 60 Menschen ertranken in überfluteten Wadis oder Gassen.

Dennoch ist das Wasser hochwillkommen. Erst zur Hälfte sind die Staudämme in dem von chronischer Trockenheit geplagten Land gefüllt. Stellenweise ist der Grundwasserspiegel durch Übernutzung der Reserven schon um Dutzende Meter gesunken. Großgrundbesitzer beuten die Vorräte für ihre Plantagen aus. Neue Hotels locken eine immer größere Zahl Touristen mit wasserintensiven Badezimmern und maurischen Gärten. Überall entstehen für die neureiche Oberschicht Golfplätze. Das benachbarte Algerien gewinnt pro Tag durch Meeresentsalzung eine Milliarde Kubikmeter Süßwasser, Spanien dreieinhalb Milliarden, Marokko noch fast nichts.

Die Stunde, zu der der König kommt, wird nicht bekanntgegeben. Ungerührt stehen die Männer im Regen. Geduldig harren auch die Neugierigen hinter den Absperrungen in der Stadt aus. Die Geheimhaltung erfolgt aus Sicherheitsgründen, aber nicht nur. Auf den König zu warten gehört zum Dekorum Marokkos. Bei Hassan II., dem Vater des jetzigen Herrschers, konnten es Stunden werden, bei Mohammed VI. sind die Fristen kürzer. "Gleichwohl ist manchmal das ganze Land wegen einer simplen königlichen Einweihung immobilisiert", zitiert die kritische Zeitschrift Le Journal einen Leidgeprüften. "Alle Minister und hohen Beamten sind für Stunden unerreichbar. Ihre Mobiltelefone werden gestört, falls sie nicht sowieso eingezogen werden." Die Sakralisierung der Monarchie ist als Teil des Systems konsequent ausgebaut worden. Der Titel "Befehlshaber der Gläubigen", auf den der König seine religiöse Autorität stützt, ist keineswegs marokkanische Tradition, sondern wurde erst vor einem knappen halben Jahrhundert in die Verfassung geschrieben. Nach ihr ist die Person des Königs "unverletzlich und heilig". Seine Botschaften an Nation und Parlament "sind nicht Gegenstand von Debatten". Über den Anspruch der Dynastie, vom Propheten Mohammed abzustammen, gehen Historiker mit feinem Lächeln hinweg. Niemand wagt, ihn in Frage zu stellen.

Als Mohammed VI. vor neun Jahren den Thron bestieg, versuchte er gegen den Stachel des Protokolls zu löcken. Seine Hand zuckte zurück, wenn Untertanen kussbereit in die Knie gingen. Doch bald gewöhnte er sich an die Gepflogenheiten, auf deren Einhaltung ihn seine Umgebung hartnäckig festzulegen sucht. Einiges vom Überkommenen schaffte er aber ab. Er löste den Harem seines Vaters ebenso auf wie die Zunft der "Feuersklaven", die für Dienstboten und Frauen in 15 Palästen und einem Dutzend Residenzen gefürchtete Zuchtmeister waren. Aber die Hofhaltung wurde nicht billiger.

Im Phosphat-Hafen Jorf Lasfar nahe El Jadida eröffnet Mohammed VI. ein neues Werk, das Phosphorsäure für Pakistan herstellt. An den Kais wird die Kohle für Marokkos größtes Kraftwerk ausgeladen. Das Land hat nur Spuren von Erdöl, kein Gas und muss 97 Prozent der Grundstoffe für seinen Energieverbrauch importieren. Danach besucht der Monarch ein erweitertes Dialyse-Zentrum. In den Tagen zuvor hatte El Jadida rund um das königliche Gestüt den "Salon des Pferdes" mit internationaler Beteiligung gefeiert. Aber der König, den viele erwarteten, kam nicht. Sein Vater hatte ihm gepredigt: "Der Thron der Alauiten steht auf dem Rücken der Pferde." Doch den Sohn faszinieren Autos, bevorzugt Mercedes und Ferrari, stärker als Araberhengste.

Jener Vater hatte während der 38 Jahre seines Regnums dem marokkanischen Norden nicht einen einzigen offiziellen Besuch gewidmet. Das Rif-Gebirge, die Mittelmeerküste und Tanger blieben weitgehend im Entwicklungsabseits. Mohammed VI., der ständig im Land unterwegs ist, will diesen Rückstand aufholen. Als Projekt von pharaonischen Dimensionen wurde im Jahre 2004 der neue Hafen Tanger-Med zwischen Tanger und der spanischen Enklave Ceuta in Angriff genommen. Er wird der größte Tiefseehafen Afrikas. Seit letztem Jahr ist für den Umschlag zwischen Europa, Nordafrika, Amerika und der Golf-Region bereits der Containerhafen in Betrieb. Daneben entstehen ein Fährhafen für jährlich fünf Millionen Passagiere sowie Terminals für Güter, Erdöl und Gas. Unter dem jetzigen König erhielt Marokko 900 Kilometer Autobahn, mehr als jedes Land des Kontinents mit Ausnahme Südafrikas.

Wenn er allein unterwegs ist, schüttelt der Monarch gern die Strenge des Protokolls ab. Er sitzt selber am Steuer, verzichtet auf Motorrad-Eskorte, Blaulicht und Sirene, hält an roten Ampeln. Die drei Sicherheitsleute im Wagen hinter ihm raufen sich die Haare. Denn der König hält sich an kein Programm, steigt aus, schüttelt Hände, trinkt ein Glas Tee und fährt wieder weiter. Auf den Vorwurf, er sei international zu wenig sichtbar, erwiderte er: "Erst kommt mein Haus. Taza ist mir wichtiger als Gaza." Taza ist eine kleine Stadt östlich von Fez.

Zu Beginn des Schuljahres stiftete der König 1,1 Millionen Kindern aus armen Familien Schulranzen samt Büchern, Heften und Stiften. Mit solchen Aktionen sucht er seinen Ruf als "König der Armen" zu festigen, den er sich sofort nach Beginn seiner Herrschaft durch großzügige Lebensmittelverteilung erworben hatte. Ein armer König ist er nicht. Ihm und seiner Familie gehört über die Holding-Gesellschaften Ona (Omnium Nord-Africain) und Siger (Anagramm von "Regis" gleich königlich) ein großer Teil der Wirtschaft: Banken, Versicherungen, Fischerei, Minen, Lebensmittelindustrie, Einzelhandel, Tourismus, Informationstechnik und anderes. Sogar Brauereien befanden sich im Portefeuille des Befehlshabers der Gläubigen. Im letzten Jahr machte die Gruppe drei Milliarden Euro Gewinn.

Im Prinzip gelten für Marokkos Unternehmen die Gesetze des Marktes. Tatsächlich werden Ona-Firmen überall bevorzugt. Oft genießen sie monopolähnliche Privilegien. Ursprünglich umfasste die Ona-Gruppe zur Zeit des französischen Protektorats den marokkanischen Besitz der Pariser Bank Paribas. Ein ehemaliger PR-Direktor der Paribas, André Azoulay, der sich selber mit Stolz einen sephardisch-marokkanisch-arabischen Juden nennt, hatte nach seiner Rückkehr in die Heimat schon Hassan II. beraten und gehört zum Stab Mohammeds VI.

Die große Mehrheit der Marokkaner partizipiert weder am Glanz des Hofes noch am Wohlstand der neuen Mittelschicht. Gehälter betragen nur ein Zehntel des europäischen Durchschnitts. Arbeitslose, Unterbeschäftigte, sozial Ausgegrenzte, Slum-Bewohner leben am Rand des Elends. Neben den modernen Industrieanlagen von Jorf Lasfar pflügen Kleinbauern mit Esel oder Kamel. Jede Minute erscheint auf den Café-Terrassen der Hauptstadt Rabat ein fliegender Händler, der Taschentücher, Lesebrillen oder DVDs loswerden muss. Jede Woche demonstrieren Universitätsabsolventen, die keine Stelle finden. Noch immer liegt die Analphabetenrate um die 50 Prozent.

Der König, inzwischen 45 Jahre alt, treibt gern Sport. Jede seiner Residenzen hat ihren Saal für Bodybuilding. Am liebsten fährt er Wasser-Scooter, was seiner Majestät den Spitznamen "Ma-jet-ski" eingetragen hat. In Courchevel in den französischen Alpen besitzt er ein feudales Chalet und bringt sein Gefolge in nahen Hotels unter. Im letzten Winter verbrachte er Wochen bei seiner Mutter, die sich im Pariser Vorort Neuilly niederließ, als dort noch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Bürgermeister war. Seine Begleiter wurden zur Diskretion angehalten. Einkaufen und Restaurants ja, Nachtclubs nein, lautete die Anweisung.

Nie hat Mohammed VI. einer marokkanischen Zeitung ein Interview gegeben, doch dem Figaro bekannte er einmal: "Wie alle meiner Generation liebe ich Rock und Rai. Ich gebe zu, mein Geschmack auf diesem Gebiet ist sehr kommerziell." Zu seinen Lieblingsfilmen gehören "West Side Story", "Der Pate" und "Apocalypse Now". Mit seinen Lederblousons, seinen Designer-Anzügen und dunklen Brillen verkörpert er das Ideal der jungen Marokkaner, die zwischen Rückbesinnung auf den Islam und Hiphop hin- und hergerissen sind: Könnten sie es sich leisten, sie wären wie er.

Unverkennbar hat der König Gewicht angesetzt. Im Herbst passten plötzlich Anzüge nicht, die von seinem Pariser Schneider geliefert wurden. Auch Maßschuhe vom französischen Hoflieferanten waren zu knapp. Alles wurde umgehend zurückgeschickt. Sein Vater, so bemerkten Eingeweihte, hätte die Kleider einem Premier oder General geschenkt. Ein Missgeschick, wie es Mohammed als Kronprinz passierte, ist heute freilich ausgeschlossen. Denn als König inspiziert Mohammed gern. Damals hatte er regelmäßig bei Yves Saint Laurent arbeiten lassen. Der zuständige Palastschranze fand einen billigeren Schneider sowie falsche YSL-Etiketten und steckte die Differenz in die Tasche. Zwei Jahre ging das gut, bis der Prinz in Paris anrief und wegen einer Zeremonie auf Eile drängte: Das Haus YSL erklärte sich für unzuständig.

Längst hat der König keine Kontrolle mehr über die öffentliche Meinung. Im Mai wurde das Rabater Büro des Nachrichtensenders Al-Jazeera geschlossen, weil er über Unruhen in der südlichen Stadt Sidi Ifni berichtet hatte. Doch nicht nur über Satelliten-TV erfahren die 33 Millionen Untertanen, was in der Welt geschieht. Wenn Verkehrspolizisten einem Autofahrer Bakschisch abpressen, nimmt jemand die Szene mit einem Handy auf, und ein Blogger stellt sie ins Internet.

Der Monarch hat erkannt, dass es Vertrauen schafft, wenn historische Wahrheiten nicht länger unterdrückt werden: In den Buchläden liegen die Erinnerungen von Malika Oufkir auf. Sie ist die Tochter des Innenministers und Geheimdienstchefs von Hassan II., der 1972 einen Putsch mit dem Leben bezahlte. Der König rächte sich mit Sippenhaft. Malika, die im Palast als Prinzessin aufgezogen worden war, wurde mit Mutter und Geschwistern für 19 Jahre in einen Wüstenkerker geworfen und lange in Einzelhaft gehalten. Erst 1996 durften sie ausreisen.

In einem Torturm der Kasba von Rabat findet derzeit eine Ausstellung über Mehdi Ben Barka statt. Als einflussreicher Führer der marokkanischen Opposition wurde er 1965 von Hassans Geheimdienst aus dem Pariser Exil entführt und umgebracht. Seine Leiche wurde nie gefunden. Noch in den ersten Regierungsjahren von Mohammed VI. wäre solche Offenheit unvorstellbar gewesen. Manchen Königen muss man eben etwas Zeit geben.

"Der Thron der Alauiten steht auf dem Rücken der Pferde": An diese Weisheit seines Vaters hält sich Mohammed VI. noch bisweilen, auch wenn er selbst schnelle Autos bevorzugt. Foto: AFP

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